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Allgemeines

Melodie (griech., melos = Lied, Weise; ode =Gesang) ist als eine künstlerisch geformte, in sich geschlossene, selbständige und ausdrucksvolle Folge von Tönen zu erklären. Die Töne erklingen im zeitlichen Nacheinander. Wesensmerkmale der Melodie ergeben sich sowohl aus dem Abstand der Töne voneinander  als auch aus der inneren Beziehung der Töne zueinander.
Die Melodie als plastische, sinnvolle Gestalt stellt mehr als nur die Summe ihrer Elemente dar: Sie bildet eine neue, höhere Qualität als etwa eine Reihung von Intervallen. Außerdem haben Rhythmik, Metrik, Harmonik und Dynamik meist wesentlichen Anteil am melodischen Gebilde.

Ein weiteres Merkmal der Melodie besteht in ihrer Transponierbarkeit, das heißt, sie beschränkt sich nicht auf einen absoluten Tonhöhenverlauf, sondern lässt sich von jeder Tonstufe aus singen oder musizieren. Dabei bleibt das bestimmende Gestaltungsprinzip Spannung – Entspannung erhalten. Die melodische Bewegung resultiert Schritt und Sprung, wobei die Sekunde wichtigster Baustein ist.

Die Melodie kann einstimmig, unbegleitet, aber auch mehrstimmig auftreten. Nach der Art der Stimmführung teilt man in polyphonen und homophonen Satz.


  Die Beziehungen der Melodietöne zu Harmonie und Metrum


Unsere Lieder haben eine harmonisch-metrisch gebundene Melodik, das heißt, jeder Melodieton steht in unmittelbarer  Beziehung zur harmonischen Funktion und zur metrischen Ordnung. Wir unterscheiden deshalb harmonieeigene und harmoniefremde Töne, weiterhin ist ihre Stellung auf betonten oder unbetonten Taktzeiten von Bedeutung.

 

In den Takten 1-4 kommen ausschließlich Melodietöne vor, die der jeweils zugrunde liegende Harmonie, ablesbar am Akkordsymbol, eigen sind, die folgenden Takte enthalten dagegen jeweils einen harmoniefremden Ton (gekennzeichnet durch x).

Das Erkennen harmonieeigener und –fremder Töne ist Voraussetzung für einen guten musikalischen Satz und für eine sinnvolle Harmonisation. Harmoniefremde Töne treten in verschiedenem Zusammenhang auf.

Die auf unbetonten Zählzeiten stehenden Durchgangstöne verbinden harmonieeigene Töne:


a = diatonischer Durchgang, b = chromatischer Durchgang

Ebenfalls  den unbetonten Zählzeiten vorbehalten bleiben die Wechseltöne, die einen Akkordton nach oben oder unten umspielen:


 a = unterer diatonischer Wechsler, b =oberer diatonischer Wechsler, c = Doppelwechsler, d = unterer chromatischer Wechsler, e = oberer chromatischer Wechsler.

Stets auf betonter Zählzeit erscheint der Vorhalt, der auf der nachfolgenden unbetonten Zeit diatonisch oder chromatisch in einen Akkordton aufgelöst wird.

 a= vorbereiteter Vorhalt, b = unvorbereiteter, frei einspringender Vorhalt.

Es können auch mehrere Töne vorgehalten werden:


Während durch den Vorhalt ein Akkord verzögert wird, kann er durch Vorausnahme vor dem eigentlichen Einsatz erscheinen.


Ein betonter Harmonieton kann durch einen oder mehrere frei einsetzende Töne, so genannte Einführungen, vorbereitet werden.





[nach oben]                                                               Das Motiv

Das Motiv stellt eine unverwechselbare, charakteristische, musikalisch sinnvolle Einheit dar. Aus ihm entwickelt sich das weitere Geschehen; beispielsweise Ludwig van Beethovens berühmtes Kernmotiv, mit dem seine 5. Sinfonie, beginnt:


Im Motiv kann das Melodische, das Harmonische, aber auch das Rhythmische überwiegen. Ein Intervallsprung oder zufällige Tonfolge ergeben jedoch noch kein Motiv. Erst die rhythmisch-metrische Ordnung und die harmonische Bindung lassen den Fortgang erkennen. Mit den Tönen


beginnen viele Kinderliedermotive.


Das Motiv kann aus 2 gleichen, ähnlichen oder gegensätzlichen Teilmotiven bestehen.



Das Motiv drängt zur Weiterführung, fordert Bewegung, deshalb nachfolgend einige Prinzipien motivischer Arbeit.

Wiederholung auf gleicher Tonstufe:



Wiederholung auf anderer Tonstufe (Sequenz):

 

Umspielung, melodische Veränderung:

 

Umkehrung:

 


Teilmotivverarbeitung, Motivteilung:

 

Vergrößerung und Verkleinerung:

 


Das Motiv ist in seiner äußeren Abmessung an keine Taktzahl gebunden: In Johann Sebastian Bachs C–Dur-Invention umfasst es einen halben Takt, im Volkslied „Sitzt e klois Vogerl“ dagegen 4 Takte.

Diese beide Motive sind unterschiedlichen Formungsprinzipien zuzuordnen – der Entwiklung (Bach) und der Reihung (Volkslied).



 

[nach oben]                                                      Periodische Formung

Im weiteren Ablauf bekommt das Motiv ein Anschlussglied. Das Anschlussglied kann erstes Ergebnis der Motivverarbeitung sein oder neues Material bringen.


Die im Motiv gestellte "Frage" erhält im Anschlussglied eine "Antwort", oder: Die durch das Motiv erzeugte
Spannung kommt im Anschlussglied zur Entspannung.






Andererseits vermag das Anschlussglied aber auch die "Frage" des Motivs offenzuhalten oder sogar sie noch zu verstärken. Sie wird erst in einem nachfolgenden Formteil  "beantwortet".








Das für das Erkennen eines Liedes charakteristische Anfangsmotiv nennen wir Hauptmotiv. Als  Kontrast erscheint oft ein Gegenmotiv, das ebenfalls verarbeitet werden kann.


 


Motiv und Anschlussglied bilden ein Satzglied. Je nach Stellung unterscheiden wir Vorder-, Zwischen- und Nachsatz. Mehrere Satzglieder ergeben einen Satz, mehrere Sätze einen Teil. Satzglieder kennzeichnet man mit kleinbuchschtaben, Sätze mit Großbuchstaben, Teile mit römischen Ziffern.

Ist ein Satz in sich geschlossen, löst sich die im Vordersatz aufgebaute Spannung im Nachsatz, so sprechen wir von einer Periode.

Schema des metrischen Achttakters:



 


[nach oben]                                                      Die Liederformen


Durch Aneinanderreihen von Motiven, Satzgliedern und Sätzen entstehen größere abgeschlossene Gebilde, die sogenannten Liederformen. Die Liederformen werden nach Anzahl der Sätze und Teile unterschieden.
Beispielen, die nur aus Motiv und Anschlussglied bestehen und dennoch in sich abgeschlossen sind, begegnen wir selten. Es handelte sich um Rufe oder kindliche Singezeilen.




Die einsätzige Liederform kann sich aus 2 oder 3 Satzgliedern zusammensetzen, die gleich, änlich oder andersartig sind.

Einsätzige Liederformen mit 2 Satzgliedern:
(a – b: Die Satzglieder sind rhythmisch gleich, jedoch melodisch unterschiedlich)



Einsätzige Liederformen mit 3 Satzgliedern:
Möglichkeiten sind a – a – a, a – a – b, a – b – a, a – b – b, a – b – c usw.

(a - b - a)


(a - b - c)




Die zweisätzige Liederform besteht aus den Formtypen A – A, A – A1 und A – B, wobei die einzelnen Sätze unterschiedlich gebildet sein können.




Die dreisätzige Liderform bietet die Möglichkeit A – A – B, A – B - A, A – B – C.



Umfangreichere Lieder und Instrumentalstücke lassen sich als mehrteileilige oder zusammengesetzte Liederformen erklären.
Jeder Teil besteht aus 2 oder 3 Sätzen.

Zweiteilig sind meist Lieder, die aus Strophen und Kehrreim (Refrain) bzw. codaähnlichen Anhängen bestehen.




Bei der dreiteiligen Liederform sind 2 Typen hervorzuheben: I – II – I und I – II – III. Die Form I – II – I tritt in der Instrumentalmusik sehr häufig auf wobei der Mittelteil als Trio bezeichnet wird. Teil I folgt als Reprise (Wiederholung).




Der Form I – II – III begegnen wir in vielen Märschen und Polkas. Hier trägt Teil III den Namen Trio.

Die Vielfalt der Musik lässt in zahlreichen Fällen keine strenge Einordnung in die aufgezählten Liederformen zu. Abweichungen vom traditionellen metrischen Achttakter (Satz) können verschiedene Ursachen haben, sie stehen im Dienste einer interessanten musikalischen Gestaltung.

Erweiterungen durch Wiederholung von Motiven oder Teilmotiven:


Dehnungen verstärken besonders die Schlusswirkung:



Straffungen durch Zusammenziehen von Takten (4 auf 3):



Dreitaktmotive ergeben Satzglieder von 6 Takten:



Dreifach unterteilte Satzglieder ergeben Sätze von 12 Takten:





[nach oben]                                                              Das Thema

Das Thema (grich. = das Gesetzte, das Hingestellte) bildet den musikalischen Grundgedanken der Komposition. Es kann aus einem oder mehreren Motiven bestehen und selbst erstes Ergebnis motivischer Entwicklung sein. Das Thema bleibt meist „offen“ und fordert Weiterführung. Gestalt und Anzahl der Themen sind unterschiedlich und hängen insbesondere vom inhaltlichen Anliegen, der Form, der Gattungen und dem geplanten Umfang ab.

Es gibt symmetrisch gebaute, deutlich gegliederte Themen, z.B.



Vielfach trifft man auch auf asymmetrische geformte Themen, z.B.



Auch die musikalischen Vorlagen für einen Variationszyklus und für Improvisationen werden als „Thema“ bezeichnet.
Eine spezielle Form des Themas ist die Reihe, der Zwölftontechnik zugrunde liegt.



Homophoner und polyphoner Satz



Wenn zu einer Melodie weitere Melodien erfunden werden, die gleichzeitig miteinander erklingen, dann ergibt sich Zwei- bis Mehrstimmigkeit. Bei Mehrstimmigkeit unterscheiden wir den homophonen und den polyphonen Satz.
Im homophonen Satz steht die Melodie als Hauptstimme im Vordergrund, all anderen Stimmen (= Nebenstimmen) ordnen sich ihr unter, erhalten Begleitfunktion.




Der homophone Satz wird auch als Akkordsatz bezeichnet, das heißt, die Oberstimme (Melodie) erhält durch die meist rhythmisch gleichlaufenden Unter- oder Nebenstimmen das notwendige Fundament. Die Stimmen benennt man den menschlichen Stimmlagen Sopran, Alt, Tenor und Bass (= vierstimmiger Satz).





Vom homophonen unterscheidet sich der polyphone Satz vor allem durch die melodische und rhythmische Selbstständigkeit aller Stimmen (= Vierstimmigkeit). Die Satztechnik des polyphonen Satzes ist der Kontrapunkt, der die Beziehungen der Stimmen zueinander ordnet. Das Thema wandert durch alle Stimmen und sichert somit ihre Gleichberechtigung durch wechselndes Anführen des Satzes.




Kontrapunkt bedeutet im ursprühglichen Sinne „Note gegen Note“. Das heißt, zu einer bekannten oder neu geschaffenen Melodie, auch Cantus firmus genannt, wird eine neue Stimme erfunden. Im Laufe der Zeit bildete sich dazu ein umfassendes Regelwerk heraus, wobei der „strenge“ Kontrapunkt die Führung der Stimmen betont, der „harmonische“ Kontrapunkt dagegen Zusammenklang und Linie als Einheit betrachtet. Der Kontrapunkt hat also doppelte Bedeutung: Einerseits kennzeichnet er die „Gegenstimme“ zu einer Melodie, andererseits die daraus abgeleitete Kompositionstechnik insgesamt.




Ein wichtiges Formungsprinzip in polyphoner Musik ist die Imitation, die Nachahmung einer Tonfolge in einer anderen Stimme. Sie kann „streng“, also notengetreu, oder „frei“ erfolgen. Als Begriff für strenge Imitation sei der Kanon angeführt, bei dem die vorgegebene Melodie je nach Anzahl der Stimmen versetzt begonnen wird. Imitation in vielfältiger Weise begegnen wir auch in der Instrumentalmusik.

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